"The Curse"

VIS Preisträgerfilme 2013

Sechs herausragende Tage im Zeichen des Kurzfilms liegen hinter uns. Am Sonntagabend ging die 10. Ausgabe von VIS Vienna Independent Shorts mit großen Preisträgern zu Ende.

Der mit 4.000 Euro von der Stadt Wien dotierte Wiener Kurzfilmpreis ging dieses Jahr an Regisseur Fyzal Boulifa. Er überzeugte die Jury mit dem britisch-marokkanischen Drama The Curse über eine junge Frau in Marokko, die sich nach einer Liebschaft in der tiefen Kluft zwischen persönlicher Freiheit und gesellschaftlichen Moralvorstellungen gefangen sieht.

Zum besten österreichischen Film (dotiert mit 2.000 Euro von VDFS) wurde Hände zum Himmel von Ulrike Putzer und Matthias van Baaren gekürt; der ASIFA Austria Award für den besten Animations- bzw. Experimentalfilm (ebenfalls dotiert mit 2.000 Euro) ging an einen großen Namen in der internationalen Kurzfilmszene: Don Hertzfeldt stach mit bissigem Humor und Strichmännchen in It?s such a beautiful day heraus.

Wir gratulieren allen GewinnerInnen! Folgend die Liste aller PreisträgerInnen sowie Jurybegründungen. Die Zusammensetzung der Jurys sind hier nachzulesen.

FICTION & DOCUMENTARY - INTERNATIONALER WETTBEWERB

Wiener Kurzfilmpreis für den besten internationalen oder dokumentarischen Film
(dotiert mit 4.000 Euro von der Stadt Wien)

The Curse, Fyzal Boulifa

Jurybegründung:
Der Film zeigt eindrucksvoll den heiklen Kampf um gesellschaftliche Anerkennung einer jungen Marokkanerin. Aufgrund einer Liebschaft wird sie automatisch als Protituierte ettikettiert. Der Zwang, dem die Protagonistin ständig ausgesetzt ist, geht von Kindern aus, die voll und ganz dem strengen Regelwerk ergeben sind. Ein Spinnennetz, das kein Entkommen und kein Abweichen von der Norm zulässt. Der Film zeichnet ein wahrhahftiges Bild einer nicht weniger authentischen Misere und bedient sich einer exzellenten kinematographischen Form.

Lobende Erwähnungen

The day has conquered the night, Jean-Gabriel Périot
Musik dient, wie so oft, dem Ausdruck von menschlichen Begierden und Tagträumereien. Jean-Gabriel Périot verschafft mit ?The day has conquered the night? denen, die so oft vergessen werden und sich dem ersten Blick zu entziehen vermögen, Gehör und vermag es ihnen ihre Würde zurückzugeben.

About Ndugu, David Munoz
Ndugu, ein kleiner Junge aus Tansania, möchte sich für die jahrelange Unterstützung seines US-amerikanischen Pflegevaters revanchieren. Der Film erlaubt neue Einblicke in das Verhältnis zwischen der westlichen wohlhabenden Welt und dem vermeintlich ?armen? Afrika. ?About Nugdu? zeigt eindrucksvoll, dass die passionierte Hilfe gegenüber Mitmenschen kein Privileg ist, sondern zumeist einem Automatismusprinzip unterliegt, ergo einfacher ist und somit nicht zwangsweise mehr Wertschätzung verdient.

Publikumspreis (Technikgutschein von Toolsatwork im Wert von 500 Euro vergeben von ray Filmmagazin): I can?t cry much louder than this, Robert Cambrinus

ANIMATION AVANTGARDE - INTERNATIONALER WETTBEWERB

ASIFA Austria Award für den besten Animations- bzw. Experimentalfilm
(dotiert mit 2.000 Euro von ASIFA Austria)

It?s such a beautiful day, Don Hertzfeldt 

Jurybegründung:
Der Kalifornier Don Hertzfeld riskiert in seiner Arbeit Außerordentliches: Nun hat er einen spielerischen Trickfilm über das Sterben ins Auge gefasst, der von nicht mehr als einem Strichmännchen getragen wird, das ? so die Prämisse der Story ? unter einer unheilbaren Krankheit leidet, die ihm die Welt, das Leben fremd macht. Das Gehirn des Helden weist Fehlfunktionen auf, er büßt seine Erinnerung ein, seine Motorik ist zunehmend angeschlagen. Daraus einen Film zu konstruieren, der nicht nur todtraurig, sondern sanft, liebevoll, ästhetisch sogar höchst erfreulich wirkt ? das ist wahre Meisterschaft. ?It?s Such a Beautiful Day? ist virtuos auf ganz ungewöhnliche Art; Hertzfeldt bringt eine Vielzahl von Tricktechniken zum Einsatz, mischt animierte Zeichnungen mit Realfotografie, um einen Film über die Wahrnehmungstörungen seines Protagonisten, über die Flüchtigkeit des Gedächtnisses zu inszenieren. Er serviert Melodramatisches auf ironische und Heiteres auf beunruhigende Weise. 

Lobende Erwähnung

VOIDOV~, Manuel Knapp

Jurybegründung:
Weiß auf Schwarz, es zuckt und flackert, während mysteriöse, aus digitalen Bildzeilen entstehende Objekte sich auf- und wieder abbauen: eine fremde, flächige Welt in stetiger Transformation. Manuel Knapps radikal reduzierte, höchst kontrollierte Animation ruft allerhand Assoziationen auf: Man denkt an Viking Eggelings abstrakte ?Symphonie diagonale? von 1924, aber auch an das Innenleben unbekannter Maschinen, an surreale Architekturen, die aus dem Rechner stammen. ?Voidov? ist ein hypnotisches, dramaturgisch sorgsam balanciertes Werk, dessen schwelender Noise-Soundtrack für faszinierende Bild-Ton-Rückkopplungen sorgt.

Arbeitsstipendium des Artist-in-Residence-Programms
(vergeben von MQ/quartier21 im Wert von 1.000 Euro)

Mihai Grecu und Thibault Gleize (Exland)

Jurybegründung:
Die Kunst (künstlerisches Schaffen) bearbeitet die Natur, greift in sie ein, macht sie unwirklich: Mihai Grecu und Thibault Gleize lassen in ?Exland? auf wunderliche Weise Videokunst, Dokumentarismus und Land Art ineinander fließen, um ihr Werk in ein Finale münden zu lassen, das im Gegenwartskino seinesgleichen sucht ? mit großer Flut und Himbeerkatastrophe.

Publikumspreis (Technikgutschein von Toolsatwork im Wert von 500 Euro vergeben von ray Filmmagazin): The Pub, Joseph Pierce

Beste Regisseurin im internationalen Wettbewerb
(dotiert mit $ 1,000 von der Elfi Dassanowsky Stiftung)

Velocity, Karolina Glusiec

Jurybegründung:
Eine spätsommerliche Erzählung über die Erinnerung, über alltägliche Details, über Zugfahrten, verbranntes Gras, eine Radiosendersuche, die Orte einer Kindheit, die Linie des Horizonts. Die Filmemacherin arbeitet mit nichts als Bleistiftstrichen auf Papier, legt ihr Werk ? das man auch als Hommage an den großen Robert Breer verstehen kann ? bewusst skizzenhaft an, assoziativ und fragmentarisch. Die Welt verändert sich, mit jedem Schlag des Lids, nichts bleibt so, nichts kann so bleiben, wie man es im Kopf behalten hat

ÖSTERREICH WETTBEWERB

Wiener Kurzfilmpreis für den besten österreichischen Film
(dotiert mit 2.000 Euro von der VDFS Verwertungsgesellschaft der Filmschaffenden)

Hände zum Himmel, Ulrike Putzer und Matthias van Baaren

Jurybegründung:
HÄNDE ZUM HIMMEL von Ulrike Putzer und Matthias van Baaren war für uns der beeindruckendste Film. Oberflächlich gesehen ist es ein Film über Fans von Hansi Hinterseer, die alljährlich auf einen Berg pilgern, um ihrem Hansi zu huldigen. Zuerst haben wir über sie gelacht ? und sie dann in uns selber gefunden: unser aller Bedürfnis nach Ritualen und Kollektiverlebnissen. Ja, man kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie hörig Menschen einem Ruf folgen können. HÄNDE ZUM HIMMEL ist ein Herdenfilm, in mehrfacher Hinsicht. Wie Schafe pilgern wir zu Konzerten, in die Kirche, ins Kino. Gratulation zu diesem schönen Film in der Tradition des Cinema Vérité.

Lobende Erwähnung

GHL, Lotte Schreiber
In GHL von Lotte Schreiber geht ein gefühlsduseliger Banker ins menschenleere Gänsehäufel mit seiner strengen Architektur, welche die rationale männliche Welt darstellt. Er tritt dort zur Beichte an, wie in der Kirche wird dieses Momentum zur Reinigung genutzt, doch der Protagonist zieht alle in die Verantwortung und nennt alle als Täter. Zurück im Leben, kehrt er in seine gewohnte Rolle als Alphatier zurück. Besonders diese Transformation und die großartige Bildkomposition führen zur lobenden Erwähnung der Jury.

Preis der Jugendjury
(1.000 Euro Postproduktionsgutschein von Synchro)

Wir fliegen, Ulrike Kofler

Jurybegründung:
Eine Mischung aus Selbstzweifeln und der einfachen Tragik des Alltags bewirken ein Gefühl von Einsamkeit, die durch gute Kameraeinstellungen und passende Filmmusik auf  eine berührende Art und Weise eindrucksvoll unterstrichen wird. Eine scheinbar funktionierende Beziehung zwischen zwei Menschen wird durch die Intervention eines kleinen Kindes komplett in Frage gestellt. Durch das beeindruckende schauspielerische Talent der Protagonisten wirkt die Geschichte besonders überzeugend und ergreifend.

Beste österreichische Nachwuchsfilmerin
(dotiert mit 1.000 Euro von VAM Verwertungsgesellschaft für audiovisuelle Medien)

Kurdwin Ayub (Familienurlaub)

Jurybegründung:
In 17 Kapiteln zeigt uns Kurdwin Ayub ein Videoessay ihrer Ferien in Kurdistan. Dieses Werk setzt sich mit ihrer Familie auseinander, eine Sicht zwischen der ersten und zweiten Generation von Migranten. Die neue Generation mitten im Jetzt, die Alte zwischen Nostalgie und Perspektive. Die Jury möchte Kurdwin Ayub fördern, um ihre Arbeit voranzutreiben und ihren Blick zu schärfen. Wir sind überzeugt, dass sie den richtigen Weg eingeschlagen hat.

Publikumspreis (Technikgutschein von Toolsatwork im Wert von 500 Euro vergeben von ray Filmmagazin): Wir fliegen, Ulrike Kofler

MUSIKVIDEO-WETTBEWERB SCREENSESSIONS

Österreichischer Musikvideopreis
(dotiert mit 500 Euro von GORILLAB Beer)

Metube: August sings Carmen ?Habanera? (Musik: August Schram), Daniel Moshel

Jurybegründung:
The main prize goes to the film that depicts all our favourite things: gag-balls, Steven Hawking and fat men in latex. It is a sharp and humorous hommage on our self-expression generation with a brilliant main character, who puts himself in a heart-warming vulnerable position.

Lobende Erwähnung

The Wheel (Musik: S O H N), Clemens Kogler

Jurybegründung:
It is very hard to find great Austrian found footage film after Martin Arnold has killed the genre with his films that all look the same. ?The Wheel? has it all: great material, great editing and great music.

Publikumspreis für das beste internationale Musikvideo
(dotiert mit 500 Euro von GORILLAB Beer)

Fjögur Píanó (Musik: Sigur Rós), Alma Har?el

NIGHT OF THE LIGHT KURZFILMPRODUKTIONSWETTBEWERB

Jurypreis
(dotiert mit 1.000 Euro von Wien Energie)

Impulse, Reinhold Bidner und Georg Hobmeier

Jurybegründung:
Die Form des Kurzfilms bietet nicht zuletzt auch eine Einladung zur prägnanten kritischen Auseinandersetzung mit konkreten Themen. Ein Film aus den umgesetzten, heute gesehenen Arbeiten hat die Jury dahingehend ebenso überrascht wie überzeugt. Ausgehend von einem überaus ambitionierten, ja riskanten Treatment wird in besagtem Film die Palette technischer Möglichkeiten ausgeschöpft, ohne auf die notwendige thematische Reflexion verzichten zu müssen. In der organischen Verbindung aus Faszination und Kritik wird der menschliche Körper in dieser Arbeit zum filmischen Austragungsort. Abseits aller Scheu vor performativen Strategien wird das dargestellte Spannungsverhältnis, der Mensch im Netz zwischen Nutzen und Vernutzung, schlüssig und spannend in Bild und Ton umgesetzt. Die Jury freut sich, IMPULSE von REINHOLD BIDNER und GEORG HOBMEIER mit dem Hauptpreis des Bewerbs Night of the Light 2013 auszeichnen zu dürfen.

Lobende Erwähnung: Joghurt mit Wachs, Gabriel Tempea

Jurybegründung:
Die Vielfalt der eingereichten Treatments und das hohe Niveau der umgesetzten Filme zum Thema ?Energie erleben? haben unsere Arbeit als Jury einerseits zu einem Vergnügen, andererseits auch zu einer Herausforderung gemacht. Nichts anderes haben wir uns erwartet oder gewünscht. Im Rahmen unseres Arbeitsprozesses war es uns ein Anliegen, so kritisch wie notwendig und so menschlich wie möglich zu entscheiden. Der Faktor Mensch hat uns im Rahmen unserer Diskussionen schließlich dazu gebracht, neben dem Hauptpreis, auch eine lobende Erwähnung auszusprechen: Eine der umgesetzten Arbeiten präsentiert mit reduzierten Mitteln präzise Bilder, bietet dem Publikum mit Emotion und sympathischem Understatement eine persönliche Geschichte allgemeiner Gültigkeit. Originell und bestechend wird eine dramaturgisch überzeugend gestaltete Privathistorie zur erfahrbaren europäischen Alltagsgeschichte ? und nicht zuletzt auch zu einer Geschichte des menschlichen Umgangs mit Energie. Deshalb spricht die Jury mit großer Freude eine lobende Erwähnung für GABRIEL TEMPEAS JOGHURT MIT WACHS aus.

Publikumspreis (dotiert mit 1.000 Euro von Wien Energie): Joghurt mit Wachs, Gabriel Tempea

Prix Très Chic pour le film plus extraordinaire: Das Wodka-Tagebuch, Marion Pfaus