Gründungsmythen II: Protokolle der Relevanz

Die empfindlichen Anfang-zwanzig-Männer und Anfang-zwanzig-Frauen, die das Festival 2004 ins Laufen brachten, waren anfällig für eine bestimmte generationstypische Allergie. Den Geruch staubiger Vereinsmeierei, überhaupt jedweder vorgefertigter Organisationsformen, galt es sich tunlich vom Leib zu halten. Die Hilfsdefinition vom VIS der Anfangsjahre als ?basisdemokratisch? wurde von Außenstehenden selten verstanden. Nach innen wurde sie, wenn das Wort einmal zu oft fiel, mit einem Stöhnen quittiert, war sie doch nur ein weiteres überkommenes Strickmuster. Hinter dem ersten Festival stand offiziell eine gewisse ?Vienna Independent Shorts Gesellschaft nach bürgerlichem Recht?, ab 2005 gab sich das Team die äußere Organisationsform eines Vereins ? pikanterweise, möchte man meinen. Doch wenn wieder einmal eine Unterschrift im Namen des Festivals fällig war, kam es vor, dass sich niemand spontan erinnern konnte, wer denn eigentlich gerade ?Vorstandsvorsitzende? oder ?Kassier? war.

Chaotisch? Keineswegs. Das organisatorisch Notwendige, das den eigenen Ansprüchen geschuldet sehr umfangreich war, grub sich seine Bahnen. Es gab noch kein VIS-Büro. Vielköpfige Meetings, die in Privatwohnungen oder (nicht zu lauten) Lokalen stattfanden und bis spät in die Nacht dauerten, bildeten das Herzstück der monatelangen Festivalvorbereitung. Sie zogen eine immer weiter ausdifferenzierte Kultur von Protokollen und deren Weiterkommunikation nach sich. Das rasch mehrere hundert Ansichtskopien umfassende Filmarchiv wurde sorgfältig systematisiert. Bestimmte Handbewegungen funktionierten bald im Schlaf: Weiße Klebebeschriftung ausschneiden, mit Archivnummer beschreiben, auf den Film kleben und nochmals ? zur Sicherheit ? ein durchsichtiges Klebeband darüber fixieren.

Im Lauf der Jahre änderten sich bei VIS die Formen von Meetings und Filmarchivierung. Die heute womöglich Fremdheitsgefühle auslösenden Protokolle der Anfangsjahre schlummern abgelegt und seit bald zehn Jahren ungeöffnet vor sich hin.

Die nackte ?Versionsgeschichte? ist eine spröde Sache. VIS ist in diesem Sinn die Wikipedia unter den Filmfestivals. Die Gleichsetzung mit der Online-Enzyklopädie hält auch in anderen Punkten stand: Beide werden zu einem großen Teil von einem Selfmade-Expertentum gefüttert, das Vergleichen mit herkömmlich produzierten Gegenstücken überraschenderweise standhält. Beide haben eine niedrige Mitmach-Schwelle, konstruieren sich ihre inneren Hierarchien selber und müssen dann damit umgehen. In den letzten zehn Jahren kam es zu einer leichten Verschiebung zwischen zwei Polen: Anfangs gab VIS Kurzfilmschaffenden eine öffentliche Plattform, von denen es zu wenige gab (Wikipedia-Sprech: ?das Wissen der Welt zugänglich machen?). Inzwischen hat der Faktor der kuratorischen Anerkennung an Gewicht gewonnen, die Einladung eines Films zum Festival ist eine Art Auszeichnung geworden (Wikipedia-Sprech: ?meine Firma braucht einen Wikipedia-Eintrag?). Die jeweiligen ?Relevanzkriterien?, die über die Aufnahme entscheiden, mögen heftig umstritten sein. Sie stehen jedoch ursächlich im Dienst eines nicht unwesentlichen Faktors: des Publikums.

Raimund Liebert, der Autor dieser Zeilen, hat das Festival mitbegründet und während der ersten acht Jahre aus dem innersten Zirkel der Macht beobachtet. Zwischenzeitlich vom Charme der nahenden Senilität umwittert, schenkt er VIS zum Jubiläum seine Gründungsmythen, bevor es andere tun.