Gründungsmythen I: Die Entdeckung der Welt

Es hat etwas Rustikales, dieses Beackern, was einem kulturellen Phänomen den Boden bereitet hat, welches Klima ausschlaggebend war. Ob Regen oder Sonnenschein: Die andere Filmkultur, die sich an den Lebenszyklen der handelsüblichen Kino- und Fernsehproduktionen vorbeischlängelt, regeneriert sich in Österreich dezennienweise. Die 1960er hinterließen die posthum sakrosankte Avantgarde. Den 1970ern verdanken wir Filmamateurklubs mit dem Geruch dampfender Modelleisenbahnen. Die Leistung der 1980er besteht in Gegenöffentlichkeiten für Wenige mit der Videokassette als Fetisch. In den 1990ern organisierte sich der andere Film als offiziöse Neoavantgarde im Dienste der österreichischen Kulturdiplomatie. Und die 2000er? Die neue cineastische Peripherie des Landes reklamierte den Independent-Begriff für sich. Als Kind seiner Zeit kam Vienna Independent Shorts so zu seinem zweiten Vornamen. Es handelte sich bei dieser Independent-Landschaft keineswegs um einen Gegenentwurf, vielmehr um eine aus kreativer Unbedarftheit und urdemokratischer Hybris gespeiste Hassliebe zum filmkulturellen Establishment. Technische Entwicklungen befeuerten den Anspruch, ebenso anerkennenswerte Filme zu produzieren wie die erklärte Kollegenschaft, die damit ihr Geld verdient.

Gespiegelt wurde diese Entwicklung durch aus dem Boden schießende junge Initiativen, die den schon rein zahlenmäßig beachtlichen Output der neuen Independent-Filmschaffenden herzeigen wollten. VIS, im Herbst 2003 bei langen Treffen im Wiener Innenstadt-Lokal Aera ausgetüftelt, war der Meta-Gedankenblitz dazu. Das diffuse und eigenartig richtungslose Wachstum des neuen Independent-Films, dem seinem Selbstverständnis nach größtmögliche Öffentlichkeit gebühren würde: Ihm entsprach die Idee von VIS als alljährliches Joint Venture möglichst vieler Wiener Independent-Filminitiativen. Nur wenige, die damals nicht dabei sein wollten, haben bis heute überlebt.

Allerdings gilt das auch für jene Initiativen, die auf den VIS-Zug aufgesprungen sind. Es war gewissermaßen der Geburtsfehler des Festivals, dass es sich seiner Strahlkraft nach innen, mit der impliziten Forderung nach Selbstaufgabe, nicht bewusst war.

Noch viel entscheidender für die Selbstfindung des Festivals war die Entdeckung der Welt. Es wäre falsch, den VIS-Vorgängern Bauchnabelbeschau zu unterstellen. Deren Kontakte nach außen ? vor allem nach Deutschland und in den ?Osten? ? waren aber zielgerichtet und punktuell. YouTube und das schicke Vimeo gab es 2003 noch nicht. Nun kamen sie ungesteuert aus aller Welt, damals noch per Post und Botendienst, die Filmeinreichungen für VIS 2004. Auf die cineastische Erweiterung, die das bedeutete, muss hier nicht näher eingegangen werden. Sie ist dem Festivalpublikum jedes Jahr zugänglich. Handfest erfahrbar wurde sie an den verschiedenen Verpackungskulturen der eingesendeten DVDs, miniDVs und VHS-Kassetten: am dicken weichen Karton aus dem Iran, der zerbröckelte, sobald man ihn berührte, an den schmalen chlorweißen Umschlägen aus den USA mit ihrem fetten Vermerk ?No commercial value? oder an den doppelt luftpolsterverpackten, bindfadenumwickelten Paketen aus Peru.

Die Entdeckung der Welt half VIS in den ersten Jahren, sich von jedweden Verbindlichkeiten zu emanzipieren. Die zuweilen grausam erscheinende Ignoranz gegenüber lokalen Klüngeln und Denkmustern wollte das Festival nie als Abgehobenheit oder Verrat interpretiert wissen. Berufen kann es sich dabei auf jene ausgesuchten Festivalveranstaltungen, die bestehenden Konzentrationen von Avantgarde bis Independent gewidmet sind. Sie verankern die Unberechenbarkeit des weltweiten Kurzfilmschaffens, das alljährlich  ? mittlerweile nur noch online ? in Wien eintrifft.

Raimund Liebert, der Autor dieser Zeilen, hat das Festival mitbegründet und während der ersten acht Jahre aus dem innersten Zirkel der Macht beobachtet. Zwischenzeitlich vom Charme der nahenden Senilität umwittert, schenkt er VIS zum Jubiläum seine Gründungsmythen, bevor es andere tun.